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KREUZFAHRTEN ABC: Begriffe aus der Welt der Kreuzfahrer

 

 

Maritime Begriffe: "Äquator"

von Helene Pichler

Fast allgemein stellt sich der Landmensch unter der Bezeichnung "Äquator" eine Gegend vor, in welcher die Sonne von sechs Uhr Morgens bis sechs Uhr Abends ununterbrochen am ewig klaren Himmel steht, wo es zwar am Tage recht warm ist, aber herrliche Abende und noch schönere Nächte voll balsamischer Lüfte und Düfte einen Vorgeschmack vom Paradiese geben.

Nichts falscher als das! Zwar kann es so sein. Im Indischen Ozean z. B. und auch im Pazifik kommen "unter dem Äquator" Tage und Nächte vor, die das also benannte herrliche Bild, das sog. "blaue Wunder", des verstorbenen Eduard Hildebrand vollauf rechtfertigen. Aber im Atlantischen Ozean erweist sich die Äquatorregion durchweg als eine der unangenehmsten für den Seemann. Trübes "schmieriges" Wetter, dicke Luft, Gewitterböen, umspringender Wind und durcheinanderlaufender Seegang sind an der Tagesordnung und halten die Besatzung, zumal die der unter Segel fahrenden Schiffe Nacht und Tag in atemloser Arbeit.

Das ungemütliche Wetter tritt schon längere Zeit vor der Passierung der Linie ein, denn der hübsche Luftzug, den Mutter Erde bei ihrem rasenden Laufe um sich selber von Ost nach West erzeugt und der unter dem Namen der Passatwinde bekannt ist, dieser selbe Luftzug reißt aus den Meeren eine Menge Wasserdünste, die noch dazu mit Elektrizität geladen sind, mit sich fort und schiebt sie nach dem Äquator hin ab. Hier sammeln sich die Dünste in einem viele Hundert Meilen breiten Gürtel und verhängen fast ständig den blauen Himmel und die lachende Sonne.

Unsere Seeleute aber, sowohl die von der alten Schule, die noch zur Segelschiffahrt schwören, wie auch die, welche auf den Kreuzerfregatten unseres Deutschen Reiches Kraft und Herrlichkeit weit über alle Meere und in die fernsten Länder hinaustragen und verkünden — sie sind trotz der schlechten Laune der Wind- und Wettergeister in allerbester Stimmung, ertragen die Quälereien und Quengeleien der Unteroffiziere und des bärbeißigen Bootsmannes mit heiteren Mienen und bemühen sich aus wichtigen Gründen aufs Neuerste, zu keinem Tadel Anlaß zu geben. Niemals passen die Matrosen strenger auf ihren Dienst, als wenn sich das Schiff der "Linie" nähert; wissen sie doch, daß jede Nachlässigkeit, jede Versäumnisvon den geheimen Agenten Neptuns vermerkt wird und ihre Vergeltung findet an dem Tage, wo die Residenz des alten Meeresfürsten, nämlich der Äquator, passiert wird. Auch die "Säuglinge", d.h. Diejenigen, welche zum ersten Mal und daher mir einer gewissen Spannung dem "Strich" entgegensehen, merken die Vorbereitungen zu etwas Außerordentlichem; aber da sie nur einen "bannigen Spaß" vermuten, so freuen sie sich, ohne zu bedenken, daß sich der Spaß gegen sie selber und ihre Fehler kehren könnte.

Da findet der Bootsmann in der Ecke der Anrichtkammer eine Back mit eingeweichten Tischtüchern stehen, die durch ihren Geruch nach der reinigenden Hand des Kajütenjungen förmlich schreien.
"Do büst jo woll noch nicht dösst (getauft), min Jung?" fragt der Alte grimmig, indem er den jugendlichen Unterlassungssünder kräftig beim Ohre zieht, "da möt wi nachholen, täuf man!"

Mit dieser Drohung wird der "Junge" entlassen, und dieser glaubt die Sache völlig abgetan. Er hat sich aber geirrt. Sein Versehen oder vielmehr die Faulheit im Dienst wird ihm keineswegs geschenkt, sondern später bei der "Taufe" noch gehörig angekreidet werden!

Da ist auch der Leichtmatrose Christian Jens Jensen, dem es während der Frühwache auf dem Ausguck vor dem Fockmast passierte, daß seine angestrengten Augen ein Bißchen ausruhen wollten. Kaum aber hatte der Brave die Augendeckel ein wenig zugemacht, so kam von oben her aus Himmelshöhen ein fürchterlicher Wasserschwall über ihn gestürzt, und eine fürchterliche Stimme schrie:"Übeltäter, wehe über Dich! Dat gifft de Nottaufe!"

Da aber der so unsanft Geweckte, nachdem er sich die triefenden Augen ausgerieben hatte, durchaus nichts Verdächtiges ringsumher wahrnehmen konnte und auch am nächsten Tage die Gesichter der Kameraden ganz unbefangen dreinschauten, so glaubte er schon einem bösen Traum zum Opfer gefallen zu sein. Wenn nur nicht ein so merkwürdiges wisperndes und bastelndes Getue an Bord gewesen wäre!

Die altgedienten Maaten und hartgesottensten Seebären verrichten ihren Dienst unter fröhlichem Schmunzeln und allerlei Hindeutungen auf ein bevorstehendes großes Ereignis; überdies ist Jeder bereit, seine Freizeit für allerhand närrischen Hantierung zu opfern. Im Mannschaftsraum werden mancherlei nicht zum Dienst gehörige Dinge sichtbar, z. B. große Pappdeckel, Goldpapier, buntes Lappen- und und aufgedrüseltes Tauwerk; daneben ein Leimtopf, der sich, um seinen Inhalt flüssig zu halten, fortwährend auf dem Wege zur Kambüse (Küche) oder zurück in den Mannschaftsraum befindet.

Endlich bricht der Vorabend des großen Tages an. Am Spätnachmittag sind "alle Hände auf Deck" gepfiffen worden, weil aus dem schweren Wolkengewirr eine Gewitterbö losbrach, die das Kürzen der großen und Festmachen der kleineren Segel nötig machte. Nachdem aber die Bö abgewettert ist und ein "einigermaßenes Gleichmaß" im Gang des Schiffes hergestellt ist, beginnt ein seltsames Huschen und Hasten durch den mächtigen Bau. Man hört hier ein verstohlenes Kichern und dort ein unterdrücktes Lachen in Brummtönen. Plötzlich — die Schiffsglocke meldet gerade "3 Glasen", 5 Uhr 30 Minuten Nachmittags — entsteht eine große Bewegung unter der Mannschaft.

"Wat is denn los? Wat schall dat wol sin?"
"Keen Deibel nicht hatt seine Ruh up dit verdammte Schipp!" So fragen und raisonnieren die "Säuglinge" durcheinander, d.h. Diejenigen von der Besatzung, welche noch niemals den Äquator passierten.
Da ertönt von Lee der aus der unergründlichen Tiefe der kräftige Ruf: "Schipp ahoi!" Alles stürzt an die Backbordseite, um die Ursache des unheimlichen Rufes zu erspähen.
"Schipp ahoi!" tönt es abermals aus den Wogen.
"Wer da?" fragt der Kommandant oder der Kapitän zurück.
"De hoche Gesandtschaft von de "solten" (gesalznen) Majestät Neptun will ehr Reverenz maken."
"Na, denn ma to! Se kann an Bord kommen!"

Nachdem die Erlaubnisgegeben, legt gleich darnach ein Boot an der Leeseite an. Wohlweislich sind die Segel des Schiffes derart gestellt und zum Teil dicht eingerefft daß das gewaltige Fahrzeug möglichst ruhig liegt und nur sehr geringen Fortgang hat. Der alte Seemannsscherz kann also ohne hemmenden Zwischenfall in Szene gesetzt werden. Zunächst entert eine Gestalt aus dem Boote in die Höhe an Bord des großen Schiffes, die eine merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Bilde eines altgermanischen Barden hat, ein weites bis auf die Füße reichendes Hemd, das um den Leib durch ein Strick zusammengehalten wird, ein wettergebräuntes Gesicht, von einem dickfaserigen weißgelben Bart umrahmt, und auf dem Haupte einen grellgrünen Kranz, von dessen Blättern schwer festgestellt werden könnte, aus welchen Strauch sie gewachsen.

Einige weitere mehr oder weniger phantastisch aufgeputzte Figuren folgen dieser Gestalt, die sich mit gravitätischem Schritt zu dem gerade auf Deck anwesenden Höchstkommandierenden begibt, hier ihren schönsten Kratzfuß macht und sich als Triton, der Gesandte Seiner Majestät des Beherrschers aller Meere Neptun vorstellt, dem es in seinem Wellenschloß da unten vor den Grenzposten, den Delphinen, hinterbracht worden sei, daß sich an Bord dieses ehrenwerten deutschen Schiffes etliche "Säuglinge" befänden, welche die Taufe noch nicht empfangen hätten. Und darum würde dem hoch und höchst geschätzten Kommandierenden dieses Schiffes hiermit kund getan, daß Herr Neptun morgen im Tage, wenn die Höhe seines Reiches, nämlich der "nullte Grad" erreicht wäre, selber an Bord erscheinen würde, um die Taufe besagter unmündiger Säuglinge vorzunehmen.

Während dieses Vorspiels hat sich natürlich die ganze Schiffsmannschaft zusammengedrängt, um ja kein Wort von dem Dialog zu verlieren. Einzelne kritische Bemerkungen werden aus dem Haufen laut: "De Triton hett jo Fuchtenstäveln an! Wenn dat man god afgeiht!"
"Kiek man, wo ehm de Krutkranz*1) steiht!"
"Sien Bart löppt ok noch up de irsten Stoppeln!"
"Wenn de Majetät Neptun man 'n gehörigen Grok mitbringen wull, denn wäre dat jo moje!"

In dieser Tonart geht es weiter, bis es der hohen Gesandtschaft zu viel wird. Triton macht seine Abschiedsverbeugung gegen den Schiffsführer wie die Offiziere und wendet sich zur Reeling. Ehe er aber den Fuß außenbords festsetzt, brummt er ingrimmig durch die Zähne:
"Schandtüg Ti! Nich mal vör de Majestät hesst Ti Respekt! Na, da soll doch gleich das Tauende über die Rücken tanzen!"

Bevor der Gesandte mit seinem Geleit den Rückzug antritt, rafft er all seine Würde zusammen, stellt sich in Positur und hält ungefähr folgende Abschiedsrede: "Meine Herrens!"
"Hört! Hört!" ruft eine vorwitzige Stimme aus der Zuschauerschaft. Triton aber sendet dem Störenfried nur einen vernichtenden Blick zu und fährt fort: "Meine Herrens! Sie sehen in meiner Person eine höchst respektable Person, indem ich der erste Minister bin von die große Majestät aller Meere, nämlich von Neptun selber! Sollten Sie daran noch zweifeln, dann scheeren Sie sich man zu allen Teufeln! Damit Sie mich aber beim Abschied wirklich erkennen, laß ich Feuer und Licht um mich brennen."
Triton und seine Bande verschwinden.

Im selben Moment erscheint leewärts dicht beim Schiff ein von flammender Lohe umgebenes "Boot", welches Triton mit den Seinen besteigt und davonfährt. Natürlich ist's eine Teertonne oder ein mit Werg gefülltes Petroleumfaß, das im richtigen Augenblick angezündet und der See übergeben wird; aber die Täuschung gelingt vollkommen und ruft jedes Mal einen tiefen Eindruck hervor. Das glühende und sprühende Ding schaukelt im Kielwasser, und je dunkler die Nacht sich herabsenkt, um so greller züngeln die Flammen empor. An der Reeling achterwärts stehen Schiffsführer, Offiziere und Besatzung, in buntem Gemisch , schauen stumm auf den lodernden Feuerball, de mehr und mehr auf dem dunkelnden Wasser zurückbleibt, bis er in der rasch zunehmenden Finsternisnur noch wie ein Fünkchen erscheint und endlich in den nächtlichen Fluten gänzlich erlischt.

Nur ein fröhliches Possenspiel ist's, was sich da abspielt, und doch hat sich jetzt aller Beteiligten eine ernste, beinahe schwermütige Stimmung bemächtigt.

Nachden der letzte Funken auf dem brausenden Wasser verglommen, wird zum Abendessen gepfiffen. Hinten und vorn im Schiff wird jetzt tüchtig "geschafft", d.h. gegessen, aber es fehlt das muntere Gespräch, welches der Seemann bei der Mahlzeit liebt. Als Jens Jensen, der Leichtmatrose, dem die melancholische Stimmung gar zu unbequem wird, seine Ziehharmonika vornimmt, um einen "Lustigen" aufzuspielen, wird er so böse angeschnauzt, daß er sofort den "Lustigen" fallen läßt und nach einigen unsicheren Griffen das unvermeidliche "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" anstimmt. Das wirkt auf Alte und Junge. Sie brummeln mit, bis sich Einer nach dem Andern davonschleicht, um in seiner Koje die Decke über die Ohren zu ziehen und von Muttern oder vom Liebchen zu träumen.

Am anderen Morgen ist freilich von der sentimentalen Anwandlung keine Spur mehr vorhanden. Der Tagesdienst geht vielmehr seinen gewohnten Gang. Doch wissen die Eingeweihten sehr wohl, daß "von oben her" der Dienst an diesem Tage sehr einfach sich gestaltet und mit Nachsicht gehandhabt wird - auch die Schnelligkeit des Schiffes darunter einige Einbuße erleiden -, und so kommt es denn, daß die Maaten, bis zum Bootsmann hinauf, Zeit zu den Vorbereitungen der eigentlichen Taufe finden. Es gehört dazu wie zu jeder echten rechten taufe: Wasser, Wasser, viel Wasser sogar. Dementsprechend werden auf dem Vorderdeck Kübel und Tonnen mit Seewasser gefüllt, Schläuche zurechtgelegt und Spritzproben angestellt. Es geschieht sogar das Ungeheuerliche, daß unversehens ein strammer Wasserstrahl das Gesicht eines "Badegastes"*2) oder die Breitseite eines flüchtig enteilten Passagiers trifft.

Inzwischen werden unter der Mannschaft im Roof und auf der Back allerhand Ansichten darüber ausgetauscht, wann eigentlich wohl der große Moment, nämlich das Überschreiten des Äquators, stattfinden werde. Die Meinungen sind geteilt. Während die vorwitzigen "Säuglinge" natürlich der Ansicht sind, das diese Tatsache bereits erledigt wurde im selben Augenblick, wo Triton mit feuriger Lohe in sein nasses Vaterland zurückfuhr, setzen die älteren Matrosen eine überlegene Miene auf, lächeln höchst diplomatisch und lassen allerhand Bemerkungen fallen, die weder für noch gegen die Sache sprechen.

Der Wahrheit gemäß weiß es vom niederen Schiffsvolk kein Einziger — alle ahnen es nur halb und halb, höchstens, daß ein Unteroffizier oder ein Bootsmann näheren Aufschluß geben könnte, weil diese Herren eine Art Vermittelungsstufe zwischen dem "Volk" und der "höchsten Instanz" einnehmen und dementsprechend sowohl Einsicht in die astronomischen Berechnungen und Aufzeichnungen haben wie auch Verständnis für die Bedürfnisse der Unterstehenden besitzen. Aber sie schweigen entweder ganz oder ergehen sich in so geheimnisvollen Andeutungen, daß schließlich bei den Neugierigen die Überzeugung Platz greift, jenseits der berühmten "Linie" müsse ja die Welt auf dem Kopfe stehen, und das würde natürlich jeder von ihnen gleich sehen. Eins jedoch steht schon fest: dies ist für alle Beteiligten der lustigste Tag der ganzen Reise. Bei Denjenigen, die sich die schnöde Bezeichnung "Säugling" gefallen lassen müssen, weil sie die imaginäre Grenzlinie noch nicht überschritten haben, ist nachgerade eine gewisse Unruhe und Ungeduld eingetreten, die aufs Tüpfelchen der ungeduldigen Erwartung unerwachsener Menschenkindlein am Weihnachtsabend gleicht.

Endlich, endlich — die Zeit des Mittagsessens ist vorüber, daher die Stunde günstig — erschallen Trompetentöne vom Bug des Schiffes her. Natürlich läuft Alles, was Beine hat, auf Deck zusammen, sogar die Offiziere und der Kapitän bemühen sich aus ihren Kajüten herauf und haben ein wohlwollendes Lächeln für den alten Spaß.

Da naht auch schon der "Taufzug". Voran natürlich die Musik, die, dem Charakter und der Größe des Schiffes angepaßt, sowohl eine gutgeschulte Kapelle sein kann wie auch einer "Katzenmusik" zum Verwechseln ähnlich sehen; die beliebtesten Instrumente sind dabei unter allen Umständen: die Ziehharmonika, die "Kessel"pauke nebst dazugehörigem Topfdeckel und der Triangel. Der alte Meergott selber trägt einen wallenden Mantel, der in etwas auffälliger Weise an ausrangiertes Material aus der "Flaggenkiste" erinnert; dazu eine Krone aus Goldpapier und als Szepter eine aufgestielte dreizinkige Harpune. Neptun bemüht sich ersichtlich, recht würdevoll einherzuschreiten, und sein lustiger Hofstaat sucht es ihm gleichzutun; besonders der mit Scheere und Putzmesser bewaffnete Barbier und der sein riesiges Protokoll Buch mühsam fortschleppende Sekretär seiner feuchten Majestät schreiten mit großem Anstand hinterher.

Nachdem der ganze Zug bis an den Großmast vorgerückt ist, schweigt auf ein von Neptun gegebenes Zeichen die Musik, der Beherrscher aller Meere verbeugt sich vor dem Kapitän und den Offizieren und hält eine Ansprache, in der es wimmelt von Anspielungen auf das Schiffsleben im Allgemeinen wie auf Zustände und Personen an Bord im Besonderen.

 

"Neptun grüßt Euch, Ihr liebe deutsche Herrn!

Warum bliebt Ihr so lange meinem Reiche fern,

Wo doch ein deutscher Fürstensohn,

Gewiesen Euch die Wege schon

Vor mehr als zweihundert Jahren?

seid stille! ich kenne den alten Tratsch!

Kanonen! Kanonen! wird immer gequatscht,

Wo aber bleiben die "Waaren"??

Es könnte mir fast die Laune verderben!

Doch lieber will auf dem Trockenen ich sterben,

Eh' daß ich euch tät verdrießen.

Weiß ich doch, daß Ihr das Möglichste tut.

Und Deutschland mag unter Eurer Hut

In Ruhe der Ruhe genießen.

Ich bin mir bewusst der hohen Ehr'

Und trage auch weiter kein Begehr,

Und trage auch weiter kein Begehr,

Als die alte Freundschaft neu zu begießen.

So trefflich nun auch dieses Schiff mag sein,

Es leben drauf etliche Kindelein,

Die in den Windeln noch liegen.

Damit sie die rechte Taufe empfangen,

Bin ich hier in meiner Herrlichkeit Prangen,

Daß die Salzwasserwihe sie kriegen —".

 

In diesem Tone geht es fort. Den Faulen und Schlafsüchtigen, den Unreinlichen, wie auch den Unverträglichen, wird ein scharfer Spiegel vorgehalten und ihnen Besserung anempfohlen.

Endlich wird zur Tauftoilette geschritten. Gutwillig wollen sich die Täuflinge, denen jetzt eine Ahnung ihres Schicksals aufdämmert, nicht dazu verstehen; sie müssen daher durch "Polizeigewalt" der Prozedur unterworfen werden. Dies ist der Moment, wo der Übermut seinen Höhepunkt erreicht. Unter allgemeinen Hallo und Hurra wird jeder Täufling extra vorgenommen. Der eine wird auf ein Brett gesetzt, daß über einer wassergefüllten Kufe liegt, mit einem rostigen Bandeisen "rasiert" und mit einer riesigen Scheere "frisiert", wobei die die gefüllten Spritzenschläuche ihren Inhalt auf den Unglücklichen loslassen und schließlich auch das Sitzbrett durchbricht, so daß der Täufling in das kalte Wasser plumpst. Ein anderer, der als richtiges Leckermaul bekannt ist und keinen Syrupstopf ungeschoren lassen kann, muß sich etliche "Magentropfen" einschütten lassen, die natürlich aus Seewasser mit Essig gemischt bestehen. Ein dritter endlich, es ist die Schlafmütze Jens Jensen, wird an ein großes Fernrohr genötigt, damit er das "Sehen" lerne. "Herrgott, ick seih wahrhaftig den Äquator," schreit er plötzlich auf. Er hat in seiner Unschuld das in die untere Öffnung des Fernrohrs eingeklemmte Haar für eine natürliche Trennungslinie zwischen Nord und Süd unseres Erdballs gehalten. Ein brüllendes Gelächter antwortet ihm, und als er ganz verdutzt noch einmal durchschauen will, gießen ihm liebende Hände einen Wasserschwall oben in das Rohr, das schon längst seine Gläser eingebüßt hatte. Er schluckt und sprudelt und schlägt blindlings mit armen und Beinen um sich, während seine Peiniger sich halbtot lachen.

Unterdes hat mittschiffs, so in der Gegend des Großmastes, allwo der Respekt vor dem "Hinterdeck" beginnt, eine andere Kumpanschaft den berüchtigtsten Schmierfinken des Schiffs, nämlich den Kajütenjungen, in der Mache. Offen gestanden ist von oben herab, so auf ganz zufällige Weise, etwa bei Tisch oder beim Nachmittagsgrog, ein leiser Wink gegeben worden, daß dem Bengel, dem Steward, eine gehörige Taufe nicht schaden können, damit er endlich den Unterschied zwischen einem nicht näher zu bezeichnenden Rüsseltiere und einem anständigen Menschen lerne. Das lassen sich die übermütigen Maate nicht zweimal andeuten, und dem unglücklichen Kajütenjungen klappern jetzt alle Zähne in der Erinnerung an die vernachlässigten Tischtücher und viele andere Sünden gegen die Gesetze der Reinlichkeit; jeder Schmutzfleck, jedes ungespülte Glas, jedes Krümchen auf des Herrn Kapitäns Serviette wird zum Ankläger. Alle Selbstanklagen helfen aber jetzt nicht mehr, die Nemesis, oder vielmehr Neptuns Schergen haben ihn schon beim Kragen. Er wird ohne Erbarmen zur Richtstätte geschleppt, allwo ihm der Sekretär das Protokollbuch unter die Nase hält und daraus mit pathetischer Erhebung der Stimme alle Straftaten des Inkulpaten laut vorlest. Ein Faß mit Seife und scharfer Lauge steht auch schon bereit. Unter allerlei tollen Kapriolen geht nun die "Wäsche" vor sich, aus welcher der Junge zwar rein und blank wie ein frischgeschältes Ei, aber auch rot wie ein gesottener Hummer hervorgeht. Schnell hinkt er bei Seite, um seine schwer unterdrückten Schmerzenstränen nicht sehen zu lassen; von der Unreinlichkeit ist er ein für alle Mal gründlich geheilt.

Am besten hat es der Täufling, welcher sich auf der ganzen Reise am wenigsten zu Schulden kommen ließ, durch Wachsamkeit, Nüchternheit, Sauberkeit und Verträglichkeit sich die beste Zensur erwarb. Für diese Auserkorenen ist ein Extrataufbecken vorbereitet worden, nämlich ein an den Zipfeln aufgehängtes und mit Seewasser gefülltes Segel, in das er kopfüber gestürzt wird, während die Musik einen Tusch intoniert.

Dem Tohuwabohu wird jetzt ein rasches Ende bereitet durch die schrillen Pfiffe der Bootsmannspfeife , die "alle Mann an die Arbeit" ruft und "rein Schiff" kommandiert. Nach zwei Minuten ist der tolle Spuk verschwunden, und nach weiteren wenigen Minuten sind auch die Spuren auf Deck vertilgt, und die Planken glänzen wieder in tadelloser Ordnung und Sauberkeit. Ein fröhliches Nachspiel folgt noch an Bord, wo ein steifer Grog gebraut wird, der sowohl in den geheiligten Räumen der Kajüte wie auch im Mannschaftslogis trefflich schmeckt und die Geister des Frohsinns hoch aufsprudeln läßt.

"Nu segg mi blot, sind wie all 'röwer?" fragt anderen Morgens Jens, dem der Grog noch unter der Schädeldecke brummt, seinen Schlafkameraden; und als eine bejahende Antwort erfolgt, fährt er brummend fort: Schall Een dat glöven! De Welt seiht hier jo akkurat so ut as haben över den "Strich" ok!"

Quelle: Zur guten Stunde, Deutsches Verlagshaus Bong & Co, 1893, von rado jadu 2001

 

*1) Krautkranz. "Kraut" nennt der Seefahrer im Allgemeinen jedes im offenen Meer schwimmende pflanzliche Gebilde, mit Ausnahme ganzer Baumstämme, insbesondere die langen mit schmalen Blättchen und hohlen Beeren besetzten Ranken des Beerentang, "Zostera marina", die im Zentrum des Atlantischen Ozeans auf Tausende von Meilen das Meer bedecken und die "Sargassosee" ( welche westlich und südwestlich von der Azoreninsel gelegen ist, und welche von Tangwäldern durchzogen ist.) bilden.

*2) Scherzhafte Benennung aller der Personen auf Kriegsschiffen, die keinen wirklichen Seedienst tun, z. B. Zahlmeister, Pastor, Arzt u.s.w.

Die Einteilung der Zeit an Bord eines Schiffes geschieht nach dem Auslaufen eines halbstündigen Sandglases (Sanduhr) und wird von 1 bis 8 Glas (= 4 Stunden) gezählt, worauf wieder mit eins angefangen wird. Acht Glas machen eine Wache aus.
Wachwechsel jeweils um 4, 8 und 12 Uhr.
Läuten mit der Schiffsglocke zur Angabe der Uhrzeit:
1/2h nach Wachbeginn = 1 Schlag mit der Schiffsglocke = 1 Glas;
1 Stunde nach Wachbeginn = 1 Doppelschlag (zwei kurze Schläge hintereinander) = 2 Glasen
4 Stunden seit Wachbeginn und damit Wachende = 8 Glas.

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 aktualisiert am: 29.01.16 11:59

 

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